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09.10.2021

Gottes Wirklichkeit und menschliche Wertschätzung erfahren – P. Guido Kreppold OFMcap zeigt Wege aus der Kirchenkrise

P. Guido Kreppold: Gott erfahren durch den Weg nach innen (Bild: © Raymund Fobes)

Das Publikum lauschte mit großem Interesse den Ausführungen des Kapuziners und Psychotherapeuten. (Bild: © Raymund Fobes)

P. Guido: Neben der Begleitung auf dem Weg nach innen sind auch Wertschätzung, Empathie und Authentizität von immenser Bedeutung für die Seelsorge.

Alles aus und vorbei mit dem Christentum – oder hat der Glauben noch eine Zukunft? P. Guido Kreppold beschönigt nichts, und doch macht er Hoffnung. Das zeigte er bei seinem Vortrag am 7. Oktober im Pfarrsaal der Pfarrei St. Pius in Ingolstadt.

Die Katholische Erwachsenenbildung der Pfarrei hatte den Kapuzinerpater und Psychotherapeuten eingeladen, der seit Jahrzehnten ein waches Auge für die Situation der Menschen hat und gleichzeitig davon überzeugt ist, dass Religion und Glaube das Leben ungemein bereichert, wenn er denn den Menschen richtig vermittelt wird. Kreppold selbst hatte wichtige Erfahrungen als Seelsorger im Zug der 1968er-Bewegung gemacht. Die Jugendlichen fanden keinen Zugang mehr zum traditionellen Christentum, und sein Theologiestudium half ihm damals herzlich wenig. In dieser Zeit lernte P. Guido bei Karlfried Graf Dürckheim die Meditation kennen. Im Schweigen und in der Bewegungslosigkeit erschloss sich ihm nach einer zunächst schmerzlichen Erfahrung des Nichts eine ganz neue Wirklichkeit, ein ganz neuer Zugang zu Gott. Im Grunde entdeckte er, dass Gott ganz tief in uns ist und nicht irgendwo draußen in der Ferne thront – eine Erfahrung, die auch viele christliche Mystiker machten, nicht zuletzt der Vater seines Ordens Franziskus. Dieser nämlich spürte, dass des „Lebens Süßigkeit“ in der Zuwendung zu den Armen und im einfachen Leben liegt; eine Erfahrung, die er machen konnte, weil er einen Zugang zum göttlichen Funken in sich selbst bekam.

Diesem göttlichen Funken kann der Mensch aber im letzten nur auf dem Weg der Erfahrung begegnen. In der Tiefenpsychologie hat Carl Gustav Jung durch seine Beobachtungen und Untersuchungen festgestellt, dass dieser göttliche Funken, das Selbst, größtenteils unbewusst ist, während uns nur das kognitiv ausgerichtete Ich zugänglich ist. P. Guido bemängelte an der theologischen Ausbildung, dass sie den Weg zum Selbst weder thematisiere noch dazu anrege, ihn zu beschreiten. Sie bleibe allein im Bereich des bewussten „Ich“ stehen, bemühe im Grunde nur das Denken, lasse die Gefühlswelt aber außen vor. So helfe die Kirche den Menschen nicht, Gott zu begegnen. Wenn aber der Weg zu dem unbewussten Selbst offen gelegt wird, so wird selbst für Menschen, die vorher kaum Interesse an Glauben und Religion hatten, Gott zum zentralen Inhalt ihres Lebens. Allerdings warnte Kreppold auch davor, Gott beweisen zu wollen. Das geht nicht, sagte er. Gleichwohl lasse sich dieser Gott aber erfahren. Der Weg kann dabei durchaus über die Erfahrung des Nichts gehen. Wer sagt, der Name Gott bedeute ihm gar nichts, dem empfiehlt P. Guido: „Dann spüren Sie doch mal das Nichts“.

Interessant ist für Menschen der Glaube gerade angesichts der Grunderfahrungen des Lebens: Geburt, Hochzeit, Tod. Da seien die Menschen besonders offen für Gott, aber genauso leicht verletzbar durch ein falsches Verhalten des Seelsorgers. Gerade bei Trauergesprächen kann man durch fehlende Einfühlsamkeit großes Unheil anrichten.

Überhaupt sei es wichtig, drei Grundkonstanten in der pastoralen Begegnung zu berücksichtigen, die von dem Begründer der personenzentrierten Gesprächstherapie Carl R. Rogers entwickelt wurden: die absolute Wertschätzung des anderen, das empathische Sich-Einfühlen in ihn und schließlich als Klammer von allem die Authentizität, so dass Wertschätzung und Empathie wirklich echt und nicht bloße Fassade sind. So machen Menschen die Erfahrung von Zuwendung und Wertschätzung, ja echter Liebe, und gerade diese Liebe zu vermitteln, sei zentrale Aufgabe der Seelsorge – dies auch auf der Hintergrundfolie, dass viele, die sich von der Kirche abgewandt haben, nun das Heil in der Psychotherapie suchen. Deshalb warb Kreppold eindringlich für den Dialog zwischen Theologie,Verkündigung und Psychotherapie und drängte darauf, dass Seelsorger psychotherapeutische Kenntnisse und Fähigkeiten haben, genauso wie eine spirituelle Kompetenz.

Und last but not least forderte P. Guido eine echte Umkehr, den inneren Weg zu gehen und Wertschätzung zu praktizieren, aber dies nicht von den anderen zu fordern, sondern selbst diesen Weg zu beschreiten – übrigens ein Weg, der am Ende wirklich zufrieden und glücklich macht, wie der Kapuziner versicherte.

Text und Bilder: © Raymund Fobes

 

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